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Chat mit Colletta

di Tomas Rottenberg 01.04.1999 00:00

Wie man sich die schöne neue Welt vorstellt: In einem abgeschiedenen Bergdorf sitzen. Und per Mausklick mit der Welt kommunizieren.

Hinter den alten Mauern pulsiert heute allerdings wieder modernes Leben. Anfang der Neunzigerjahre entdeckte eine Gruppe von High- Tech-gläubigen Investoren unter der Führung von Valerio Saggini den verfallenden Geisterort. Mit Hilfe der italienischen Telekom wurden die Häuser mit Glasfaserkabeln vernetzt und in moderne Apartments verwandelt;
Auf den ersten Blick ist Colletta di Castelbianco das Gegenteil von modern. Das winzige Dorf liegt abgeschieden in den ligurischen Alpen, acht Kilometer vom Mittelmeer entfernt. Die Grundmauern stammen aus dem 14. Jahrhundert - und die Neuzeit hat sich, wenigstens für einige Zeit, verabschiedet: Zwischen 1950 und 1970 verließen alle Einwohner das kleine Bergdorf.

Hinter den alten Mauern pulsiert heute allerdings wieder modernes Leben. Anfang der Neunzigerjahre entdeckte eine Gruppe von High- Tech-gläubigen Investoren unter der Führung von Valerio Saggini den verfallenden Geisterort. Mit Hilfe der italienischen Telekom wurden die Häuser mit Glasfaserkabeln vernetzt und in moderne Apartments verwandelt; Cafés, Bars und eine Konzerthalle sollen ein modernes, urbanes Leben in der idyllischen mittelalterlichen Ortschaft ermöglichen. Seit dem Sommer des Vorjahres gilt Colletta als "eröffnet": Die Hälfte der sechzig Apartments ist verkauft -und alle Server sind hochgefahren. Im Online-Chat mit VISA magazinAutor Thomas "Rotte" Rottenberg erzählt der "Erfinder" von Colletta, Valerio Saggini, wie sein Traum Wirklichkeit wurde.

rotte says
Ein Dorf mit Technik und Geld instand zu setzen ist eine Sache. Aber kann man auch seine Seele einfach wiederbeleben?
valerio says
Technologie ist nur ein Werkzeug. Die Leute kommen nicht nach Colletta, um dort die ganze Zeit vor dem Computer zu hocken. Ich habe versucht, Bedingungen zu schaffen, unter denen eine Gemeinschaft entstehen und sich entwickeln
kann. Heute kann ich sagen, dass der Kern dieser Gemeinschaft lebt.
rotte says
Wer sind die Leute, die hier leben?
valerio says
Alle haben ein ähnliches Weltbild und ähnliche Visionen. Es gibt hier Universitätsprofessoren, Konsulenten, Börsenmakler, Unternehmer, Chirurgen und so weiter.
rotte says
Diese Leute leben tatsächlich hier? Oder ist Colletta nur ein High- Tech-Wochenenddorf für reiche High- Tech-Freaks? valerio says
Nur einige leben das ganze Jahr in Colletta. Aber auch für die anderen ist Colletta nicht nur ein Ort fürs Wochenende. Die meisten -auch ich -planen, einmal für immer hierher zu ziehen. Derzeit zwingt mich mein Job noch, Wohnung und Büro in Mailand zu haben.
rotte says
In einem echten Dorf wäre die soziale Durchmischung größer.
valerio says Man muß kein Milliardär sein, um sich hier anzusiedeln.
rotte says Ist das Tele-Village der Prototyp für die Siedlung der Zukunft?
valerio says
Ich glaube, dass Colletta ein gutes Modell ist. Telearbeit hebt den Zwang auf, sich in großen Zentren anzusiedeln. Ein Blick auf die Geschichte zeigt, dass Megacitys jung sind. Die Mensch haben fast immer in kleinen, ländlichen Gemeinschaften gelebt. Ich denke, dass das wieder so werden könnte. In Italien gibt es ja noch viele verlassene Dörfer...
rotte says
Es gibt also Pläne, weitere Tele-Villages zu bauen?
valerio says
Oft rufen Leute an und sagen: "Da gibt es doch dieses alte Dorf ..." Wir denken darüber nach -aber ich kann nicht sagen, wann es so weit sein wird.
rotte says
Ihre Idee wird heute also besser verstanden als 1991?
valerio says
Ja. 1991 war das Internet mysteriös. Das Web hat nicht existiert. Heute arbeiten Millionen Menschen über das Internet. 1991 hat man mir gesagt, dass ich verrückt sei, an die Realisierung eines solchen Projektes auch nur zu denken. Heute sehe ich, dass der Traum Realität ist.

[Visa, april 1999]




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