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High Tech in der Dorfidylle

di Martin Arnold 12.01.2001 00:00

"Teleworking" -ein Mittel gegen Landflucht?

Die Idee dazu geht auf Valerio Saggini zurück, der mit seiner Frau Stefania Belloni die Firma Teleura in Milano betreibt. Die beiden sahen in der Verlassenheit Collettas eine ideale Voraussetzung, um ihren Plan zu verwirklichen. Das Steinlabyrinth mit seinen Gassen, Durchgängen, Treppen, Balkone und Terrassen wurde der Eingebung des Stararchitekten Giancarlo de Carlo anvertraut.
Wenn die Rede auf Colletta di Castelbianco, ein Dorf 100 Kilometer südwestlich von Genua kommt, wird Marco Revelli pathetisch. Der Professor der politischen Wissenschaft und Autor des Buches "La sinistra soziale", einem Zustandsbericht über die Krise der Linken, sieht in dem kleinen ligurischen Bergdorf einen postmodernen Humanismus aufziehen. Am warmen, mediterranen Klima liegt das ebenso wenig wie an der mit Olivenbäumen übersäten Landschaft des Pennavaira-Tals. Die neue Menschlichkeit liegt für Revelli in der Möglichkeit, gleichzeitig im Mittelalter und im dritten Jahrtausend zu leben. "Dieses mittelalterliche Borgo besitzt eine Fassade aus dem 13. Jahrhundert und das leistungsfähige High-Tech-Herz des neuen Zeitalters."

Colletta di Castelbianco fristete einen 40 Jahre dauernden Dornröschenschlaf, bevor es zum Modelldorf für Spitzentechnologie in der Kommunikation auserkoren wurde.

Die Idee dazu geht auf Valerio Saggini zurück, der mit seiner Frau Stefania Belloni die Firma Teleura in Milano betreibt. Die beiden sahen in der Verlassenheit Collettas eine ideale Voraussetzung, um ihren Plan zu verwirklichen.

Das Steinlabyrinth mit seinen Gassen, Durchgängen, Treppen, Balkone und Terrassen wurde der Eingebung des Stararchitekten Giancarlo di Carlo anvertraut. Er hatte der bereits bei Zitadelle in Urbino eine Symbiose zwischen originaler und zeitgenössische Architektur gefunden, ohne die Bausubstanz zu zerstören.

In Colletta wollte er ein zukunftsweisendes Siedlungsmodell für das 21. Jahrhundert schaffen; ein Dorf mit 70 Wohnungen, ausgestattet mit allem erdenklichen Komfort, ein großer, gemeinsamer Swimmingpool, Sauna, ein Cybercafé und demnächst ein kleines Restaurant und ein Lebensmittelladen.

Jedes der Häuser ist dank Teleura ausgestattet mit High-Speed-ISDN- Anschluss für Bildtelefonie und Videokonferenzen, schnurlose Telefone, Video on demand und interaktivem Fernsehen. Das Dorf hat seinen eigenen Provider. Ohne ein Modem zu brauchen, kann von jedem Computer aus für umgerechnet 400 Franken jährlich im globalen Netz gesurft werden.

High Tech in der Dorfidylle, ein Zukunftsmodell für ein Leben mit Qualität auf dem Lande? Marco Rivelli fällt die Antwort leicht: "Wir leben in einem mittelalterlichen Dörfchen mit seinem gemächlichen Rhythmus und surfen gleichzeitig mit Lichtgeschwindigkeit im Internet. Und wir können frei entscheiden, in welcher Zeit wir uns bewegen wollen. Im Dorf bildet sich eine echte Lebensgemeinschaft von Leuten heraus, denen Lebensqualität wichtig ist." Und dennoch: Über die Hälfte aller Wohnungen sind verkauft. Aber nur vier Familien leben dauerhaft hier. Die anderen halten es wie Revelli. Er verbringt viele Wochenenden, seine Ferien und zusätzlich ein oder zwei Monate in Ligurien.

Etwa wenn der Turiner sich aus der umtriebigen Großstadt zurückziehen will, um an seinen Büchern zu schreiben. Im unverfälschten Pennavaira-Tal findet er die nötige Ruhe und Inspiration.

Aber für immer hier wohnen will Revelli nicht. Genauso wenig wie die Lehrerin Emiliana Spadoni, die ebenfalls vor allem an den Wochenenden hier anzutreffen ist.

Dann tummeln sich in Colletta Industrielle, Ärzte, Architekten, Manager und Wissenschaftler, kurz ein Sammelsurium Intellektueller. Die meisten verlustieren sich am Swimmingpool und genießen ihre Liebe zum "Televillage", in das zirka 250 Mill. Schilling investiert wurden.

Das Geld stammt von Privatinvestoren. Ihre Rechnung könnte aufgehen.

Doch eine Kernfrage, nämlich ob ein Dorf mit Telearbeitsplätzen die Abwanderung in Randregionen und Berggebieten verhindern könnte, bleibt in Colletta unbeantwortet. Eben weil es die meisten wie Jenny Penestri und ihr Mann halten, die in Zürich wohnen und sich hier entspannen. Da ist High Tech im Haus natürlich ein angenehmes Supplement, aber keine wirkliche Notwendigkeit. Denn: Internet-Anschluss gibt's heute auch in Italien selbst in strukturschwachen ländlichen Regionen.

Eine wirkliche Antwort auf die Probleme der Landflucht wäre das Experiment Colletta di Castelbianco dann, wenn seine Bewohner wenigstens teilzeitlich den Boden wieder bebauen würden, der einst seine Bewohner ernährte. Jetzt hat die Landschaft die Funktion einer Kulisse und die Kontakte zur einheimischen Bevölkerung in den Dörfern der Umgebung sind spärlich.

Immerhin sind zukunftsweisende Ansätze da. Etwa bei Gian-Luca Cervellierei, der im Cybercafé arbeitet und sich mit Spitzenlokalen Liguriens in einem Internet-Forum austauscht. Über diesen Kanal plant er auch, Produkte aus dem Tal wie Olivenöl und Pilze anzubieten.

Eine andere Möglichkeit zur Integration wäre, wenn sich hier Kleinfirmen der Computerbranche ansiedeln und Arbeitsplätze schaffen würden. Doch so lange das Dorf und seine Bewohner nicht in der heißen mediterranen Erde wurzeln, haftet Colletta di Castelbianco etwas Künstliches an. Das gibt auch Marco Revelli zu. Aber es stört ihn nicht. "Das Dorf war sowieso verlassen, und das letzte Kapitel seiner Geschichte geschrieben, bevor wir wieder Leben in die Ruinen brachten." So dient das Telematikdorf eher als "Therapiestation" gegen die Großstadtneurose denn als wirkliches Zukunftsmodell.

In Deutschland wird das Potential für Telearbeitsplätze vom "Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie" auf 2,5 Millionen geschätzt. Laut einer Untersuchung des Frauenhofer Instituts "Arbeitswirtschaft und Organisation" sitzen bereits 800.000 Teleworkers vor Bildschirmen. Davon arbeiten 320.000 einen Teil der Arbeit im Büro und die restliche Zeit zu Hause.

Weiter fortgeschritten ist der Ausbau der Televillages in Großbritannien. Dort gibt es beinahe 200 Dörfer mit Weltanschluss. Alte Industriestädte setzen auf Telematik. So erhofft sich die zum Televillage umgebaute ehemalige Bergbaustadt Crickhowell dank neuer Technik einen Aufschwung. Eine Untersuchung der empirica GmbH in den größeren Mitgliedstaaten der Europäischen Union zeigte, dass allen voran in Italien und Spanien das Interesse an Telearbeitsplätzen mit über 50 Prozent der Befragten sehr hoch ist. Weniger eindrücklich sieht es in Deutschland aus. Nur 40 Prozent haben dort Interesse an einem Telearbeitsplatz.

Am weitesten entwickelt sind Computerarbeitsplätze in den USA. 9,2 Millionen sind teilweise und weitere 7,6 Millionen ausschließlich zu Hause am Bildschirm erwerbstätig. Dies entspricht fast 15 Prozent aller Erwerbstätigen.

[Wiener Zeitung, 12 gennaio 2001]




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