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Das Globale Dorf

di Harald Willenbrock 01.07.1999 00:00

Auf dem Land Leben, in den Metropolen der Welt Arbeiten?
Kein problem in Colletta, Eeuropas erster Web-Gemeinde. Der Grosse Run auf das Italienisce Dorf lässt jedoch noch auf sich warten.

"Nirgendwo sonst gibt es ein bewohntes mittelalterliches Dorf in sagenhafter Umgebung", meint Collettas Erfinder Valerio Saggini, ein blasser 34jähriger Web-Designer aus Mailand. Nur in Colletta könnten sie neueste Technologie in der Vertrautheit einer dörflichen Gemeinschaft nutzen, die wiederum ausschließlich aus Gleichgesinnten bestehe. "Diese Kombination ist es, die unser Dorf einzigartig macht", sagt Saggini. Sein Projekt stehe für die Aufhebung der "absurden Trennung von Arbeit und Leben. Hier werden Menschen leben, die beruflich sehr viel in den Metropolen der Welt unterwegs sind. Und die gerade deshalb die Ruhe und die Arbeitsmöglichkeiten hier zu schätzen wissen. Als Telependler können sie gleichzeitig aus der Welt und in ihr sein."
Zugegeben, es ist selten. Sehr selten. Aber manchmal passiert es eben doch, daß der große Nicholas Negroponte seiner Zeit ein wenig hinterherhinkt. In 20 oder 40 Jahren (auf den genauen Zeitpunkt käme es nicht an) würden wir dank der Telekommunikationsmittel den "sicheren, gesünderen, sauberen und privateren Lebensstil" auf dem Lande genießen können, schrieb der »Wired«-Autor in seiner Juni-Kolumne ("Being Rural"). In Zukunft wird "die Masse nicht mehr in die, sondern aus den Städten heraus ziehen. Möglicherweise werden wir alle das Leben auf dem Lande neu lernen müssen", prophezeite Negroponte.

Genau das ist in einem abgelegenen italienischen Bergdorf längst Realität - wenngleich auch nur für Privilegierte. Acht Erwachsene, zwei Kinder und ein Hund (allesamt Städter) profitieren dort dank Internet von den Segnungen ländlichen Lebens und digitaler Datenstränge. Als moderne Pioniere erproben sie die Grenzen multimedialer Existenzmöglichkeiten, machen Cyber-Niemandsland urbar und erkunden, ob, und wenn ja, wie es sich dort überleben läßt.

COLLETTA - AUSSEN VERTRÄUMTE IDYLLE, INNEN MASSIVES BREITBAND

Colletta di Castelbianco, ihre Siedlung, wirkt von außen wie ein verträumtes mittelalterliches Dorf. Ein Gewirr aus Gäßchen, Gewölben, Durchgängen, Dachgärten, Terrassen und Treppchen: rauh, unbehauen und archaisch. In ihren Mauern jedoch pulsiert ein Hochgeschwindigkeitsnetz mit Glasfaserkabel, Linux-Server, Breitbandanschluß für jedes der 60 Apartments, Videokonferenz-Option, Mobiltelefonsystem und Voice-Mail. Dazu gibt es ein Cyber-Café, Satellitenfernsehen und ein verkabeltes Amphitheater, in dem jederzeit amerikanische, russische oder australische Musiker fur Jam-Sessions zugeschaltet werden können -von solchem Standard können Großstädter in Genua, Turin oder Mailand nur träumen.

Und gerade weil sie das tun, gibt es Colletta überhaupt. Das Dorf verdankt seine Existenz dem alten Widerspruch zwischen Im-Grünen-leben-wollen und In-der-Stadt-leben-müssen; einem Widerspruch also, der seit dem Mittelalter die Menschen massenweise vom Land in die Städte treibt. Colletta könnte die Auflösung sein.

"Nirgendwo sonst gibt es ein bewohntes mittelalterliches Dorf in sagenhafter Umgebung", meint Collettas Erfinder Valerio Saggini, ein blasser 34jähriger Web-Designer aus Mailand. Nur in Colletta könnten sie neueste Technologie in der Vertrautheit einer dörflichen Gemeinschaft nutzen, die wiederum ausschließlich aus Gleichgesinnten bestehe.

"Diese Kombination ist es, die unser Dorf einzigartig macht", sagt Saggini. Sein Projekt stehe für die Aufhebung der "absurden Trennung von Arbeit und Leben. Hier werden Menschen leben, die beruflich sehr viel in den Metropolen der Welt unterwegs sind. Und die gerade deshalb die Ruhe und die Arbeitsmöglichkeiten hier zu schätzen wissen. Als Telependler können sie gleichzeitig aus der Welt und in ihr sein."

Der Ingenieur und Neu-Collettaner Leonardo Cesario, 44, zum Beispiel erzählt, er sei am Morgen in einem Hotel in Istanbul aufgewacht und von dort über München nach Bologna geflogen, wo er sich dann noch einmal drei Stunden lang ins Auto gesetzt habe, um nach Colletta zu gelangen. "Trotzdem bin ich kein bißchen müde, weil ich hier entspannen kann", meint er abends beim Plausch auf der kleinen Piazza. "Und meiner Firma ist es egal, von wo aus ich ihr in den nächsten Tagen meine E-mails und Faxe sende." Cesarios Nachbar Alfredo Bezzi, 62, ist Geologe und Vulkanforscher. Vier Tage der Woche sitzt er vor seinem PC in Colletta und arbeitet an einem Englischbuch für Geologen. Montags, mittwochs und freitags fährt er ins benachbarte Albenga und steigt dort in den Zug nach Genua, um seine Vorlesungen zu halten. "Klar, ich hätte mir auch ein Ferienhaus kaufen und dort einen Internetanschluß legen lassen können", meint der gemütliche Professor Bezzi. "Aber nur in Colletta kann ich mich einerseits als Weltbürger, andererseits als Teil einer sympathischen Gemeinschaft von Gleichgesinnten fühlen. Ich will hier nie mehr weg."

Dann ist da noch Marco Revelli, ein Politik-Dozent aus Turin, der tagsüber an seinen Texten tippt, nachts stundenlange Internet-Partien gegen ukrainische oder chinesische Schachpartner spielt. Seine Frau Antonella Tarpino, Verlegerin und Autorin, hat in Colletta ihr jüngstes Buch geschrieben und es gleich im dorfeigenen Amphitheater präsentiert. Ihr Sohn Michele, 5, surft gelangweilt am Rechner: Gleichaltrige Kinder gibt es bislang keine in Colletta.

COLLETTA IST EIN MODELL, NICHT DIE REALITÄT DER TELEWORKER-ÄRA

Gleich am Eingang des Dorfes lebt der norwegische Architekt Ole Wiig, einer der begeistertsten Bewohner. Der Chef eines Osloer Architekten-Ateliers besucht das Weltdorf regelmäßig für mehrwöchige Arbeitsurlaube. "Natürlich muß ich mit meinen Kunden in Norwegen persönlich sprechen, und natürlich kann ich Baustellen nicht per Internet in Augenschein nehmen", meint der 52jährige Bauplaner. "Aber ob ich in meinem Büro an einem Wettbewerbsentwurf arbeite oder mit einem Team in Colletta plane, spielt keine Rolle. Hier haben wir allerdings ganz andere Inspirationen sowie die deutlich schönere Umgebung."

Tatsächlich ist der Wilde Westen der Kommunikationsgesellschaft ein Idyll. Wie ein Einsiedlerkrebs auf seinem Stein hockt die Pioniersiedlung auf einem steilen Bergrücken, umgeben nur von Bächen, Bäumen und Bauern. 280 Meter über dem Meeresspiegel gelegen, 20 Kilometer von der ligurischen Riviera, eine Stunde von Genua und zwei von Turin entfernt. Unten im Tal der glasklare Pennavaire, im Rükken der Oresine, der sich durch ein System grüner Olivenbaumterrassen schlängelt. Im Frühjahr kreisen Adler über den Gipfeln, und die Berghänge stehen voll blühender Kirschbäume. Bei günstigem Wind kann man das Meer riechen.

Das Dorf selbst, dessen Ursprünge bis ins 13. Jahrhundert zurückreichen, fügt sich in diese Landschaft, als sei es einst aus ihr gewachsen. Noch vor fünf Jahren war Colletta ein von Gräsern und Gebüschen überwucherter Steinhaufen. Die letzten Bewohner hatten die Gegend vor 30 Jahren verlassen, weil es in den Bergen weder Wasser, Strom noch etwas zu verdienen gab. Danach hauste in den Gemäuern nur noch ein seltsamer Einsiedler, dann eine einsame Ziege, schließlich niemand mehr. Hätten es nicht die Cyber-Pioniere entdeckt, wäre Colletta wohl einfach friedlich verfallen. So aber wurde es zum vielbeachten Modell.

Zu verdanken ist dies Valerio Saggini und seiner Frau Stefania Belloni, die das Internet eines Tages einfach beim Wort nahmen. Wenn Telekommunikation bedeute, daß man von jedem Ort mit jedermann in Kontakt treten könne, warum dann nicht von einem schönen Ort aus? So dachten sie. Das war 1991, also noch lange bevor das World Wide Web die Massen vor die Bildschirme zog. Aber die Banken glaubten ihnen, eine Gruppe Investoren vertraute ihnen, und so erwarb ihre neugegründete Firma für vier Milliarden Lire ein paar Ruinen plus 6000 Quadratmeter Grundstück. Colletta di Castelbianco. Giancarlo De Carlo, einer der populärsten italienischen Architekten und mittlerweile 80 Jahre alt, wurde als Baumeister gewonnen. "Ein solches Dorf findet man kein zweites Mal", lobt De Carlo. "Da kann man nicht zwischen Haut und Knochen trennen, es ist ein ganzheitlicher Organismus. Wenn man ihn einmal versteht, kann man in ihm wirklich tanzen."

TOO MUCH TROUBLE, TOO EXPENSIVE -AMERIKANER KAUFEN HIER NICHT

Der alte Architekt tanzte ausgelassen und verbrauchte binnen vier Jahren 15 Milliarden Lire für den originalgetreuen Wiederaufbau des Dorfes und die Installation moderner Annehmlichkeiten wie Bäder, Heizungen und Küchen. Das sorgfältig in Erde und Mauern verborgene elektronische Nervensystem kostete eine weitere Milliarde. Ab 1998 konnten dann eigentlich die Käufer kommen. Das Weltdorf Colletta erwartete seine Bürger.

Doch dann passierte das Überraschende: Der Ansturm blieb aus. "Wir hatten mit größerem Andrang gerechnet", räumt Saggini ein, das Interesse sei zwar stark, das Medieninteresse sogar immens gewesen: "Ein rurales Idyll für Telependler" lobte die »Financial Times«, "ein einzigartiger Platz, der einen einzigartigen Lebensstil offeriert", schrieben die Reporter des »European«, und »Italia Oggi« übertrieb: "Das ehrgeizigste historische, architektonische und technologische Projekt der Welt"'. Solch Enthusiasmus lockte viele Besucher, aber kaum Käufer. Manager aus dem Silicon Valley kamen und gingen wieder: too much trouble, too expensive (Apartment-Preise zwischen 300000 und 500000 Mark).

DIE DIGITALE GEMEINDE VERKRAFTET 120 EINWOHNER

Deutsche und Schweizer trotteten durchs Dorf und stiegen schließlich wieder in ihre Leihwagen, um nie zurückzukehren. Ein fünfköpfiges Team des britischen Kommunikationsmultis Cable & Wireless wollte sich einkaufen und gleich die komplette Abteilung nach Colletta verlegen, verlangte aber inakzeptable Discountabschläge für ein halbes Dutzend Apartments. "Für ein Projekt wie Colletta muß man geschaffen sein", erklärt Saggini, "und das ist gut so, denn es bedeutet harte Auslese. Die, die sich dann für Colletta entscheiden, lieben es wirklich." Und haben das Geld dafür.

Wie sich herausstellte, lieben es vor allem gutverdienende Architekten, Journalisten und Professoren, meist um die 50 Jahre alt und aus Norditalien. Bis auf Professor Bezzi haben die Pioniere ihre Wohnungen in Turin, Mailand oder Genua behalten, pendeln zwischen Großstadt und Weltdorf. So ganz möchte offenbar niemand seine Existenz von einem Glasfaserkabel abhängig machen, jedenfalls heute noch nicht. "Das Vertrauen wird wachsen", meint Saggini zuversichtlich. 28 Wohnungen warten noch auf Bewohner, 32 sind bereits verkauft. Wenn im August die zweite Generation Pionier einzieht, steigt die Einwohnerzahl Collettas auf 60, später werden es einmal 120 Menschen sein.

Die Vorhut bemüht sich derweil redlich mit kulturellen Wiederbelebungsversuchen. Konzerte, Lesungen und Filmvorführungen im Amphitheater sind geplant, der gemeinsame Swimmingpool samt Sauna steht kurz vor der Fertigstellung. Eine Garage soll in den Fels gehauen werden, denn Parkplätze sind Mangelware. Schon heute schnauft täglich ein mobiler Kaufmann die Serpentinenstraße hinauf, und demnächst eröffnet auch das Cyber-Café in der Dorfmitte. Dort wird im Herbst eine internationale Konferenz der Tele-Dörfer stattfinden. Mit dabei: Teilnehmer aus Næstved (Dänemark), Telluride (USA) und anderen Orten, in denen an vergleichbaren Modellen geschraubt wird. Saggini: "Sie werden sehen: Colletta ist mehr als eine Cyber- Version des Club Med."

DAS PIONIERDORF IST AUF DEM WEG, MUSEUMSDORF ZU WERDEN

Wie aber soll sich dort eine Community entwickeln, wenn das Dorf die Hälfte des Jahres leersteht? Wenn sich seine Bewohner nur sporadisch sehen, weil die Haupthandlung ihres Lebens weiterhin in Metropolen spielt? "Ganz einfach: per Internet", meint Ole Wiig. Mit Professor Bezzi etwa verbinde ihn mittlerweile eine enge Freundschaft, und wenn er nicht gerade selbst in Colletta sei, kommunizierten sie halt per E-mail.

Taugt das kleine Bergdorf also als Modell? Läßt sich Colletta kopieren? "Es gibt herrliche Dörfer in der Toskana oder in Umbrien, die man wiederbeleben könnte, wenn man ihr Kommunikationsproblem löst", meint Architekt Giancarlo De Carlo, der allerdings selbst nicht auf Hektik und Inspirationen seiner Heimatstadt Mailand verzichten mag.

Vermutlich ist Colletta doch nur eine Fußnote der frühen Informationsgesellschaft. Die neue Arbeit, möglich durch digitale Kanäle, braucht im Grunde keine elitären Musterdörfer. Denn die HighTech- Infrastruktur, die beim Start des Projektes noch als zentrales Argument für Colletta gedacht war, zählt schon heute kaum mehr und wird bald völlig bedeutungslos sein. Jeder wird jederzeit genau dort telearbeiten können, wo es ihm gefällt, ganz ohne den Umweg über Retorten-Siedlungen. Oder, wie Nick Negroponte es formulierte: "Die digitale Welt kennt kein Zentrum. Und daher auch keine Peripherie."

Falls Negroponte recht hat und sich Telearbeit durchsetzt, wird man Colletta in einigen Jahrzehnten vermutlich zum Museumsdorf erklären. In Professor Revellis Apartment wird dann wohl ein Souvenirshop eröffnen, in Ole Wiigs Haus werden Eis und Ansichtspostkarten verkauft, und oben an der Straße begrüßt ein Schild die staunenden Besucher: "Hier haben sie gelebt, die unerschrockenen Pioniere des Telependelns."

[Econy, agosto – settembre 1999]




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