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Zurück in die Zukunft

Das italienische Bergdorf Colletta di Castelbianco ist ein einzigartiges Teledorf

"Wir in Colletta teilen einfach eine Vision des Lebens", sagt auch Valerio Saggini. "Hier kann man seine Zeit wiederfinden und der wahnwitzigen Hektik des Stadtlebens entfliehen." Der Web-Designer hatte die Idee, das verlassene Dorf zu einem High-Tech-Weiler aufzurüsten. Noch ist er zu sehr mit dem Aufbau des Teledorfes beschäftigt, doch auch er will später von dort aus arbeiten.
Der 34-Jährige hat in Bologna Kunst, Musik und Schauspiel studiert und betreibt mit seiner Frau Stefania Belloni die Internet-Firma Teleura in Mailand."
Die Straße führt von der italienischen Riviera über kleine Dörfer, durch das wildromantische Pennavaire-Tal. Die Berge werden höher. Es wird einsamer. Dann tauchen, dicht gedrängt, auf einem Bergrücken die grauen Steinhäuser von Colletta di Castelbianco auf.

Doch was auf den ersten Blick wie ein verschlafener mittelalterlicher Ort aussieht, ist ein bisher einzigartiges Cyberdorf. Denn in den dicken Steinmauern transportieren modernste Glasfaserkabel in Hochgeschwindigkeit Daten zu jedem Punkt der Welt.

Jede der 60 Wohnungen hat einen direkten Internet-Anschluss. Ohne Modem und ohne Telefongebühren können die Bewohner für weniger als 400 Mark im Jahr surfen, so viel sie wollen. Sie können Videokonferenzen arrangieren und sind auch für künftige Kommunikationstechniken wie Video-on-Demand und interaktives Fernsehen bestens ausgerüstet. Es gibt ein eigenes Mobiltelefonsystem, Voice-Mail und Satellitenfernsehen. Der Bergort in Ligurien, der eine Stunde von Genua und zwei Stunden von Turin entfernt liegt, ist das erste Teledorf auf dem europäischen Festland. "Televillages - Die Zukunft liegt auf dem Land", titelte der Bonner Informationsdienst 2000 X vor kurzem und prophezeite einen Boom der High-Tech-Ortschaften. Denn Trendforscher beobachten seit langem eine Krise der Städte, wo die zunehmende Anonymität und Umweltverschmutzung die Lebensqualität reduziert haben.

Vorreiter in Sachen Televillage ist Großbritannien. Dort gibt es bereits 150 landschaftlich reizvoll gelegene Dörfer mit Weltanschluss. In Wales wurde zum Beispiel die ehemalige Bergbaustadt Crickhowell zum Televillage umgebaut. Die Gemeinde erhofft sich dadurch einen wirtschaftlichen Aufschwung. Denn Teleworker sind meist hoch qualifiziert; sie arbeiten in der Organisation, EDV, Verwaltung, Beratung sowie in der Forschung und Entwicklung.

In Deutschland gibt es bereits rund 800 000 Telearbeitsplätze, und das Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie schätzt das Potenzial der Telejobs auf zwei bis vier Millionen. Hierzulande heißt das Stichwort "alternierende Telearbeit": Ein paar Tage in der Woche verbringen die Teleworker im Büro, die restlichen Tage arbeiten sie zu Hause. Das bringe nicht nur mehr Freiräume, sondern ermögliche auch ein konzentrierteres Arbeiten, sagen die Befürworter. Sie genießen die Aufhebung der Trennung von Arbeit und Privatleben. Dagegen warnen Kritiker vor der Gefahr der sozialen Isolation.

Die Bewohner von Colletta sind bisher meist Telependler. Ob er einen Wettbewerbsentwurf in Colletta oder in seinem Osloer Büro plane, sei letztlich egal, sagt Ole Wiig, Architekt aus Norwegen. Der 52-Jährige nutzt das italienische Teledorf zur Inspiration regelmäßig mehrere Monate im Jahr.

Colletta ist mehr als ein Ferienort mit Internet-Anschluss

Auch Leonardo Cesario gehört zu den Pionieren der Telearbeit in Colletta. Bisher nutzt der Ingenieur aus Bologna den Aufenthalt vor allem zur Erholung. Wenn er freitags von einer seiner zahlreichen Geschäftsreisen zurückkommt, setzt er sich ins Auto und erreicht in drei Stunden sein neues Domizil. "Hier fühle ich mich einfach wie auf einem anderen Planeten", sagt der 44-Jährige.

Alfredo Bezzi hat seinen Wohnsitz ganz nach Colletta verlegt. Der Professor für Geologie an der Universität Genua schreibt gerade gemeinsam mit einem Kollegen in den USA per Internet an dem Lehrbuch Englisch für Geologen. Während der Vorlesungszeit fährt er dreimal in der Woche vom 20 Kilometer entfernten Küstenort Albenga mit dem Zug nach Genua.

Colletta ist für ihn mehr als ein Feriendorf mit Internet-Anschluss. "Uns verbinden dieselben Gefühle", sagt er. Die Freude an der Natur, an der Wiederbelebung des alten Dorfes sowie das Interesse an der modernen Technik.

"Wir in Colletta teilen einfach eine Vision des Lebens", sagt auch Valerio Saggini. "Hier kann man seine Zeit wiederfinden und der wahnwitzigen Hektik des Stadtlebens entfliehen." Der Web-Designer hatte die Idee, das verlassene Dorf zu einem High-Tech-Weiler aufzurüsten. Noch ist er zu sehr mit dem Aufbau des Teledorfes beschäftigt, doch auch er will später von dort aus arbeiten.

Der 34-Jährige hat in Bologna Kunst, Musik und Schauspiel studiert und betreibt mit seiner Frau Stefania Belloni die Internet-Firma Teleura in Mailand. Seit langem träumte er von einem Leben auf dem Land; dann, im Jahr 1995, hörte er von Colletta. Vor 30 Jahren hatten die letzten Einwohner das Dorf verlassen. Damals gab es weder Strom noch Wasser; der Ort verfiel. Vor 20 Jahren begann dann ein Architekt, die Häuser aufzukaufen, um Colletta zum Feriendorf umzubauen. Doch es war schwer, die Eigentümer zu ermitteln. Schließlich gab er auf, und Colletta stand zum Verkauf.

Die relativ gut erhaltene Bausubstanz, deren Ursprünge bis ins 13. Jahrhundert zurückgehen, und die isolierte Lage auf dem Felssporn machten das Bergdorf zum idealen Ort für das High-Tech-Experiment. Saggini gewann eine Gruppe privater Investoren für seine Idee, und 1996 begann man mit der Rekonstruktion. Dafür konnte der Web-Experte einen der berühmtesten Architekten Italiens, Giancarlo De Carlo, gewinnen.

Anfangs war der 80-jährige Architekt skeptisch, dann packte ihn aber der Enthusiasmus. "So etwas findet man nicht noch einmal", sagt De Carlo. Bestehende Gemäuer wurden stabilisiert, die Häuser mit Bädern und Fußbodenheizung ausgestattet und verkabelt. Telecom Italia war bereit, modernste Glasfaserkabel in die gottverlassene Gegend zu legen. Insgesamt verschlang das Projekt mehr als 15 Milliarden Lire.

"Colletta ist einzigartig, weil es komplett in den Zustand eines mittelalterlichen Dorfes zurückgeführt wurde", schwärmt Geologie professor Bezzi. Dabei erweisen sich die mittelalterlichen Strukturen auch als bestes Mittel gegen die drohende Anonymität eines Cyberdorfes, in dem jeder nur vor seinem Bildschirm sitzt. Schließlich laufen sich die Dorfbewohner in dem Labyrinth aus schmalen Gassen, Durchgängen und Treppen zwangsläufig ständig über den Weg. Zum Plausch treffen sie sich im Internet-Café, auf dem Dorfplatz, am traumhaft gelegenen Pool oder im eigenen Vorgarten. "Die sozialen Beziehungen sind hier enger als in der Stadt", sagt Saggini, der "Erfinder" des Teledorfs. Colletta ermögliche eine neue Form des Zusammenlebens, die Bewohner seien längst zu Freunden geworden und stolz auf ihren Ort - sie fühlten sich verantwortlich für seine Zukunft.

Doch obwohl Medien aus aller Welt das ehrgeizige Projekt in den höchsten Tönen lobten, blieb der erwartete Ansturm der Käufer bisher aus. Erst die Hälfte der Wohnungen - die billigste kostet 250 000 Mark - ist verkauft. Valerio Saggini macht sich dennoch keine Sorgen. "Colletta ist nicht für jeden geeignet", sagt er und setzt auf eigene Auslese. "Das Dorf sucht sich seine Bewohner selbst."

Colletta ist nichts für jungdynamische Cyberfreaks, die der rasanten Entwicklung hinterherjagen. Es ist ein Ort für Menschen, die die moderne Technik als Mittel zum Zweck, aber nicht als Selbstzweck sehen. Das Wirtschaftsmagazin Econy nannte vor kurzem Colletta ein "künftiges Museumsdorf", weil man in Zukunft schließlich überall telearbeiten könne - und tat dem Ort damit Unrecht.

Denn Colletta ist ein Stück Lebensqualität; es ist der Versuch, in mittelalterlichen Gemäuern eine dörfliche Gemeinschaft mit Direktanschluss in die ganze Welt zu schaffen. Colletta ist die Symbiose von High-Tech und High- Touch. Ein Stück zurück in die Zukunft.

[Die Zeit, 26 august 1999]

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